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Mittwoch, 27 April 2016 13:33

„Das macht mich stark für’s Studium!“ - Ulrike Wolff absolviert ein kulturelles Jahr in der Forschungsbibliothek Gotha

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"Ich wollte nach dem Abitur zu Hause ausziehen, aber nicht gleich mit dem Studium anfangen." Ulrike Wolff lacht und zieht ihre langen Ärmel über die Hände. "Zwei so große Veränderungen auf einmal, das wollte ich mir einfach nicht antun." Seit September 2015 absolviert die 18-jährige Oldislebenerin ein sogenanntes Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt. Dafür ließ sie das Jugendzimmer im Elternhaus zurück, suchte sich ein WG-Zimmer in Erfurt und schnuppert seitdem nicht nur Unabhängigkeits-, sondern auch erste Arbeitsluft. Und das kostet sie richtig aus.

Erst einmal ging es Ulrike aber wie vielen Jugendlichen nach dem Schulabschluss: Sie wusste nicht genau, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. So richtig entscheiden konnte sie sich nicht zwischen den zwei eher gegensätzlichen Studienfächern Germanistik und Psychologie. Das Freiwillige Jahr in der Forschungsbibliothek Gotha gibt ihr nicht nur die Zeit, darüber noch einmal nachzudenken, sondern auch die Möglichkeit, Einblicke in ein Berufsfeld zu erlangen, das eng verbunden ist mit einer ihrer Leidenschaften: Bücher. Und davon lernt sie nun eine ganz andere Seite kennen – nicht die als Leserin, sondern die als Mitarbeiterin zur Bewahrung und Erschließung alter, mitunter auch seltener und wertvoller Handschriften und Drucke. "Was mir besonders gefällt, ist, dass ich schon ziemlich früh anspruchsvolle Aufgaben übertragen bekam und deswegen viele Einblicke und Erfahrungen sammeln konnte, die andere erst nach dem Studium machen", sagt die Hobbysängerin und -volleyballerin. Dabei hat Ulrike für jeden Aufgabenbereich einen Ansprechpartner in der Forschungsbibliothek, der sie einarbeitet und ihr bei Fragen zur Seite steht – egal ob sie Bücher "aushebt" – also für einen Nutzer aus dem Magazin heraussucht und zur Leihe bereitstellt –, Texte Korrektur liest, Handschriften mit Blattzahlen versieht, Bücher digitalisiert und die Digitalisate zur einfacheren Nutzung strukturiert oder unter Anleitung der Buchbinderin lernt, wie man Hefte oder Bücher bindet. Im Moment nimmt sie fernab von diesen Aufgaben aber ein ganz anderes Projekt ein: Gemeinsam mit den drei "Freiwilligen" der Stiftung Schloss Friedenstein und einer neunten Klasse des Gothaer Gymnasiums Ernestinum möchte sie die griechische Sage Der Raub der Proserpina auf die Bühne des Ekhof-Theaters – die sonst nur zum Ekhof-Festival bespielt wird – bringen. "Ich bin in der Forschungsbibliothek auf das Stück gestoßen, es war das erste überhaupt, das im 17. Jahrhundert im heutigen Ekhof-Theater  gespielt wurde", erzählt sie. "Als wir uns gemeinsam dafür entschieden haben, war es zunächst meine Aufgabe, den in alter deutscher Schrift gedruckten Text in die lateinische Schrift zu übertragen." Nachdem sich die Gruppe dann ein Konzept überlegt und mit den Schülern eine moderne Variante erarbeitet hat, die parallel zu ausgewählten Szenen der Originalfassung aufgeführt werden soll, arbeitet Ulrike nun mit daran, den Text lebendig zu machen: "Wir proben jetzt jede Woche intensiv in der Schule. Erst war es ganz eigenartig, die Seite zu wechseln, vom Schüler zum Lehrer. Und auch für die Schüler ist es eine ganz neue Erfahrung. Mit 14 hat man ja noch eine ganz andere Gedankenwelt, das merkt man. Aber wir vier sind ein sehr gutes Team und so konnten wir die Schüler immer stärker einbeziehen und motivieren." Bis zur Aufführung am 22. Juni wird dieses Projekt, für das die vier jungen Kulturschaffenden erst kürzlich mit dem Preis tatort kultur ausgezeichnet wurden, noch Ulrikes Arbeitsalltag prägen. Für die Zeit danach bis zum Ende ihres Freiwilligen-Jahres hat sie aber noch einige Pläne. "Ich möchte in meiner verbleibenden Zeit an der Forschungsbibliothek noch so viel wie möglich erleben und die Arbeit an anderen Stationen kennenlernen – zum Beispiel im Thüringischen Staatsarchiv Gotha oder in der Uni-Bibliothek in Erfurt."

Und anschließend, nun doch ein Germanistik-Studium? "Ich liebe Bücher und auch die Arbeit mit ihnen macht Spaß. Aber durch das FSJ hatte ich auch immer wieder die Gelegenheit, mit Leuten zu sprechen, die ebenfalls ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert haben. Die meisten sagen: Der Berufseinstieg ist nicht leicht und man muss sich lange mit befristeten Verträgen abfinden. Deshalb werde ich mich wahrscheinlich für Psychologie entscheiden." Was sie in ihrem Freiwilligen-Jahr gelernt hat und noch lernen wird, will Ulrike dennoch nicht missen. "Der Umgang mit Büchern und Texten, das wissenschaftliche Arbeiten, soziale Kompetenzen – was ich hier lerne und erlebe, kann ich in Zukunft gut gebrauchen. All die Erfahrungen aus dem FSJK machen mich stark für das Studium. Und in meiner Freizeit werden mich die ‚schönen Bücher‘ weiterhin begleiten."