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Donnerstag, 07 April 2016 08:58

Neue Gesichter: Hannah Peaceman

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Hannah Peaceman ist das neue Gesicht am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis in die Gegenwart“ der Universität Erfurt. In den nächsten drei Jahren wird sie hier vor allem an ihrem Promotionsprojekt arbeiten. Darin geht es um die „Jüdische politische Philosophie in der deutschsprachigen Diaspora vom 19. Jahrhundert und bis zur Shoah“. Gleichzeitig wird die gebürtige Mainzerin, die auch Kollegiatin am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt ist, die Arbeit des Reseach Centre unterstützen, zum Beispiel bei der Durchführung von Konferenzen.

„Ich bin gespannt auf die interdisziplinären und internationalen Diskussionszusammenhänge und bin mir sicher, ein anregendes Umfeld gefunden zu haben“, sagt Hannah Peaceman, der die Ausschreibung für die neue Stelle mehr als gelegen kam: „Ich habe mich in Erfurt beworben, weil sich die Forschungsziele des Research Centres an vielen Stellen mit meinen Interessen und Ideen für eine Promotion decken. Außerdem gefiel mir die Idee, an einem interdisziplinären Kolleg zu arbeiten. Das Max-Weber-Kolleg mit seinen vielen Forschungsschwerpunkten und seinem hervorragenden Ruf schien mir dabei sehr attraktiv.“

In ihrem Promotionsprojekt beschäftigt sich Hannah Peaceman mit jüdischer politischer Philosophie vom 19. Jahrhundert und bis zur Shoah in der deutschsprachigen Diaspora und der Frage nach ihrer Universalisierbarkeit, ihrer Säkularisierbarkeit und ihrem Vollzug, ausgehend von kollektiven gesellschaftlichen und religiösen Praktiken. Ziel ihrer Arbeit ist es, an die mit der Shoah abgebrochene und seitdem systematisch kaum erforschte politisch-philosophische Geistestradition jüdisch-deutscher Denker anzuknüpfen. Dabei will sie herausfinden, inwiefern eine selbstbewusste jüdisch-deutsche Perspektive in ihrer Ausgestaltung als jüdische politische Philosophie den Wandel einer Gesellschaft unter dem Ideal eines – im Sinne von Tikkun Olam verstandenen – gesellschaftlichen „Füreinanders“ und einer pluralistischen Gesellschaft vorantreiben kann.

Das Promotionsprojekt leistet damit erstens grundlegende Begriffsarbeit. Schlüsselbegriffe und -konzepte wie Exil, Diaspora, Gesetz oder Tikkun HaOlam sollen in ihrer politischen Bedeutung präzisiert, spezifiziert und erweitert werden. Außerdem sollen ihre systematischen Zusammenhänge ergründet und gesellschaftspolitische und soziohistorische Hintergründe im 19. Jahrhundert und bis zur Shoah reflektiert werden. Zweitens will Hannah Peaceman den Eigenwert jüdischer politischer Philosophie im 19. Jahrhundert und bis zur Shoah als ein normatives Projekt aufzeigen. Die jüdische politische Philosophie wird sie dabei als Grundlage für pluralistische Praxis herausarbeiten und Rituale, Formen der Kommunikation und Lebensweisen, die zu pluralistischer Praxis beitragen können (z.B. Formen der Streitkultur), untersuchen. Und schließlich soll der Wandel der Bedeutung von Religion im Zuge gesellschaftlicher Säkularisierung zu der Frage führen wie sich rituelle Praxen verändert haben und welche politischen Dimensionen (z.B. als Modus der Vergemeinschaftung) ihnen innewohnen könnten.

Aber das Projekt von Hannah Peaceman hat auch ein historisch-ethisches Anliegen: Es trägt zur Re-Vitalisierung einer ausgelöschten Denk- und Lebenspraxis bei. Die Systematisierung jüdischer politischer Denkbewegungen bis zur Shoah ermöglicht einen Zugriff auf jüdische Standpunkte, die aus der (Un-)möglichkeit einer jüdisch-deutschen Synthese heraus, Beiträge zur kritischen Reflexion von Gesellschaft und zu pluralistischem Zusammenleben geleistet haben. Das Sichtbarmachen dieser Debatten könnte als Anknüpfungspunkt für selbstbewusste jüdische Stimmen heute dienen.

Hannah Peaceman hat bereits an verschiedenen Orten gelebt und studiert, darunter Marburg, London und Münster. Im vergangenen Jahr zog sie nach Jena, um dort ihren zweiten Master – in Philosophie – zu beenden. Nun ist sie in Erfurt angekommen und schon ziemlich gespannt – nicht nur auf die neuen Kolleginnen und Kollegen an der Universität, sondern auch auf die Stadt. „Die Altstadt habe ich schon kennengelernt, die sieht sehr schön aus.“

Weitere Informationen:

Research Centre "Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis in die Gegenwart"