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Freitag, 20 November 2015 03:00

Jüdische Studien mit Leben füllen: Dr. Claudia Bergmann koordiniert eine neue Forschergruppe an der Uni Erfurt

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Erfurt ist tief verwurzelt mit der jüdischen Kultur des Mittelalters, die hier nachweislich seit dem 11. Jahrhundert Seite an Seite mit der christlichen Kultur existierte. Das damalige jüdische Viertel befand sich im Zentrum der Altstadt, wo noch heute die Alte Synagoge, die Mikwe – ein jüdisches Ritualbad – und nicht zuletzt der Jüdische Schatz, der 1998 bei Bauarbeiten entdeckt wurde, von Leben und Praktiken der Erfurter jüdischen Gemeinde zeugen. Genau das richtige Umfeld also, um jüdische Rituale zu erforschen und der Frage nachzugehen, wie sich diese in unterschiedlichen Kontexten verändert und weiterentwickelt haben – findet auch Dr. Claudia Bergmann. Seit November koordiniert die promovierte Alttestamentlerin das Projekt „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt – und schätzt dabei auch die Nähe des Projektes zu dieser gelebten Geschichte, aber auch zum Jetzt und Hier religiöser Praktiken insgesamt.

„Rituale sind institutionalisierte Praktiken, die Weltbeziehungen deuten und die trotz Tradition immer wieder einem Wandel unterzogen werden. Sie können Normen vermitteln und Beziehungen von Menschen prägen und auch immer wieder gesellschaftliche Debatten auslösen, wenn wir beispielsweise einmal auf die Beschneidungsdebatte schauen“, erklärt Bergmann. „Im Projekt fokussieren wir uns auf die Frage ‚Wie gestalten sich jüdische Praktiken unter Bedingungen des lokalen Nebeneinanders verschiedener religiöser Richtungen und wie sind die Akteure verflochten? Und dem hier in Erfurt auf den Grund zu gehen, ist wunderbar. Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie spannend das wird?“, betont Claudia Bergmann zum wiederholten Male beherzt und lacht. „Unsere internationalen Gastwissenschaftler werden sicher staunen, wenn wir sie durch Erfurt führen und Dinge, über die wir sprechen, auch direkt am Objekt sehen können.“ Die Projektkoordinatorin rührt zufrieden in ihrem schwarzen Tee mit Milch. Es ist ihr anzumerken, wie sehr sie sich darauf freut, das lange vorbereitete, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt geförderte Projekt vom Papier in die Wirklichkeit zu übertragen und mit Leben zu füllen. Bergmann hat sich schon früh im Theologie-Studium mit dem Alten Testament beschäftigt und wurde an der University of Chicago in diesem Fachgebiet promoviert. Vor dem Antritt ihrer jetzigen Stelle untersuchte sie in der Nachwuchsforschergruppe „Religiöse Rituale“ am Max-Weber-Kolleg das „Essen am Ende der Zeiten in jüdischen Texten“. Dafür kam die gebürtige Thüringerin samt amerikanischem Mann nach Erfurt. Nun kann sie mit ihrer neuen Koordinatorenstelle für das Projekt „Dynamik jüdischer Rituale“ sehr gut an ihre bisherige Tätigkeit anknüpfen. „Ich habe mich mein ganzes Forscherleben mit dem Alten Testament beschäftigt, mit dem Judentum und der Hebräischen Bibel. Das ist eine gute Ausgangsposition für dieses neue Projekt“, sagt Bergmann. Das Kooperationsprojekt von Max-Weber-Kolleg, Forschungszentrum Gotha und Theologischem Forschungskolleg der Universität Erfurt sowie der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar soll in erster Linie nach religiösen und kulturellen Kontexten und Wechselwirkungen fragen und unterscheidet sich dadurch von anderen jüdischen Studien in Deutschland. „Wir haben wirklich ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Forschung zu diesen Fragen“, sagt Bergmann. „Natürlich gibt es international Forscher, die sich auch damit beschäftigen, wie sich jüdische Rituale in bestimmten Kontexten verändert haben. Die möchten wir zu uns holen und in unsere Projekte einbinden.“ So gehören neben den Vertretern von Universität Erfurt und HfM Weimar bereits internationale Forschergrößen wie Tessa Rajak aus Oxford und Günter Stemberger aus Wien zur Kerngruppe. „Hier am Max-Weber-Kolleg sind wir gemeinsam gut aufgehoben – weil es internationales Renommee hat und hier bereits internationale Forschung betrieben wird. Außerdem wird das Projekt das besondere religionsbezogene Profil der Universität stärken und ausbauen.“ Bergmann selbst wird als Koordinatorin nun Tagungen organisieren, Gastwissenschaftler und Doktoranden betreuen, aber auch Lehrveranstaltungen anbieten, Wissenschaftskommunikation betreiben und natürlich auch ihre eigene Forschung fortsetzen: „Ich plane wieder ein Forschungsprojekt zum Thema Essen. Dazu, wie biblische Vorstellungen vom Essen – beispielsweise das Manna, das Himmelsbrot, das am Ende der Zeiten von den Gerechten verspeist wird – den veränderten Umständen angepasst im Mittelalter im Bild dargestellt wurden.“ 

Als erstes Jahresthema hat sich das Forscherteam „Reform und ihre Historiografie“ auf die Fahnen geschrieben: „Hier beschäftigen wir uns damit, wie sich liturgische oder rituelle Formen im Judentum verändert haben, wie diese beschrieben und aufgenommen worden sind – nicht nur vom Judentum selbst, sondern auch von anderen. Wie ist Liturgie in der Antike überhaupt entstanden, als beispielweise der Tempel in Jerusalem zerstört wurde und der zentrale Ort für Rituale verschwunden war? Wie haben sich die Juden am entstehenden Christentum oder an paganen Religionen orientiert und dann neue rituelle Formen gefunden?“, erläutert Claudia Bergmann und ist überzeugt, dass sich trotz dieser historischen Fragestellungen immer auch aktuelle Bezüge herstellen lassen: „Die Frage, wie sich Rituale verändern, wie man voneinander lernt, ist ja auch in Deutschland gerade ein aktuelles Thema, wenn auch nicht speziell mit dem Judentum. Und vielleicht ist unsere Forschung da auch erkenntnisträchtig, indem wir schauen, wie sich Kulturen und Religionen in der Vergangenheit gegenseitig befruchtet und ausgetauscht haben – so wie es im Mittelalter in Erfurt der Fall war, als Christen und Juden so nah beieinander gelebt haben und ihre Kulturen in Kontakt kamen.“

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