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Dienstag, 27 Mai 2014 10:00

"Ungeahnte Schwierigkeiten des Kartenzeichnens" – Herzog-Ernst-Stipendiatin Alrun Schmidtke forscht zu dem Perthes-Kartografen Bruno Hassenstein

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Der Gothaer Nachlass von Bruno Hassenstein ist ein wahrer Schatz für jeden Wissenschaftshistoriker und Kartografie-Forscher. Das stellte auch "Kartografie-Frischling" Alrun Schmidtke schnell fest und wollte mehr über jenen erfolgreichen Perthes-Verlagskartografen mit der etwas verschrobenen Persönlichkeit erfahren. Im Rahmen eines Herzog-Ernst-Stipendiums beschäftigt sich die 27-jährige Wissenschaftshistorikerin im Gothaer Forschungszentrum der Universität Erfurt derzeit genauer mit Hassenstein – und hat in seinem Nachlass womöglich auch gleich den passenden Forschungsansatz für ihre bevorstehende Doktorarbeit gefunden. Ein Treffen im Geografie-Zimmer des renommierten Forschungszentrums.

"Es ist schwierig, ein Promotionsthema zu finden, für das man eine gewisse Leidenschaft empfindet, die sich über drei Jahre intensiver Forschung hält", sagt Schmidtke. Die zierliche Blondine streicht etwas nachdenklich über den antiken Konferenztisch in der Mitte des Raumes. Sie spricht aus Erfahrung. Zu lange habe sie neben Lehraufträgen und dem Kuratieren einer Ausstellung an ihrer Master-Arbeit zur Hygieneausstellung in Berlin 1883 gesessen. Für die Dissertation sollte es deshalb ein ganz neues Thema sein, das sie in Gotha zu finden hoffte. "Ein befreundeter Kollege und ehemaliger Herzog-Ernst-Stipendiat hat mir empfohlen, mir einfach einmal die Sammlung Perthes in Gotha anzuschauen, was ich in einem sehr aufschlussreichen viertägigen Archiv-Aufenthalt auch tat." Hier stieß die Historikerin schnell auf Bruno Hassensteins Arbeit, die genau das verspricht: anhaltende wissenschaftliche Begeisterung. Denn Hassenstein, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über 40 Jahre lang als Kartograf beim Gothaer Perthes-Verlag beschäftigt war, spielte seinerzeit eine entscheidende Rolle für das hohe internationale Renommee des Verlags: "Hassenstein war technischer Leiter der kartografischen Abteilung von Perthes. Und in dieser Funktion war er zum Beispiel verantwortlich für alle Karten, die in der Monatszeitschrift Petermanns Geografische Mitteilungen, kurz PGM, erschienen sind. Damals war die PGM das Aushängeschild des Verlags, und den etwa 4.000 Abonnenten versprach man mindestens eine neue Karte pro Ausgabe. Hassenstein hatte somit einen großen Anteil daran, warum Perthes zu dieser Zeit auch über den deutschen Sprachraum hinaus so große Bekanntheit erlangte, obwohl die PGM ja deutschsprachig war."
Im Gothaer Hassenstein-Nachlass hat die Berlinerin auf eine Fülle von Archivalien Zugriff, die von Hassensteins Arbeitsalltag und seiner Herangehensweise zeugen. Briefwechsel, Arbeitstagebücher, Rechnungen, Entwürfe und Skizzen – Bruno Hassenstein hat alles aufbewahrt. "Er war auf seine Art sehr verschroben, sehr akribisch in dem, was er tat. Er hat zum Beispiel nicht nur die Briefe aufbewahrt, die er bekommen hat, sondern auch Kopien der Briefe, die er selbst geschrieben hat. Und das sagt ja auch schon etwas über ihn als Person aus", sagt Schmidtke und fügt hinzu: "Eine gewisse Sammelleidenschaft war für das 19. Jahrhundert ganz normal, aber das ging weit darüber hinaus. Diese Akribie war für seine Mitmenschen nicht immer angenehm und soweit ich das bisher beurteilen kann, war er nicht gerade der beliebteste Perthes-Mitarbeiter. Auch zu seiner Mutter hatte er ein eher schlechtes Verhältnis, weil er häufig auch sonntags arbeitete und sie selten besuchte."


Heute verdanken wir diesem Perfektionismus jedoch, dass Forscherinnen und Forscher wie Alrun Schmidtke anhand der Sammlung mehr über Wissenschaftsgeschichte und die Produktion von geografischem Wissen im 19. Jahrhundert herausfinden können – und es macht Hassenstein zum spannenden Forschungsobjekt, denn "trotz seiner vielen Fehler war er augenscheinlich ein hervorragender Kartograf, den Perthes – obwohl es Anlässe dazu gegeben hätte – nie fallengelassen hat". Schmidtke hat es in Gotha nun vor allem auf eine etwas kuriose Buchpublikation Hassensteins, der vor allem als Afrika-Kartograf bekannt war, abgesehen: seinen Japan-Atlas. "Als ich ihn entdeckte, war für mich sofort klar, dass ich anhand dieses Beispiels Hassensteins Arbeitsweise erforschen möchte. Ich habe in der Schule Japanisch gelernt und interessiere mich auch für das Land. Das hat einfach gepasst." Schmidtke zieht sich weiße Baumwollhandschuhe über und entfaltet vorsichtig eine etwa zwei Quadratmeter große, kolorierte Karte, die einen Ausschnitt der japanischen Hauptinsel Honshu zeigt und geradeso auf den großen Tisch passt. Um mit Original-Karten dieser Größe zu arbeiten, muss die Wissenschaftlerin eigentlich in das derzeitige Ausweichdepot des Forschungszentrums nach Erfurt fahren. "Das ist etwas aufwendig und deshalb freue ich mich umso mehr, wenn im Herbst das neue Perthes-Forum hier in Gotha eröffnet wird. Es wird einen sehr benutzerfreundlichen Kartenlesesaal haben, mit großen Arbeitstischen, auf die auch Karten dieser Dimension passen", schwärmt Schmidtke. Heute durfte sie diesen kleinen Schatz ausnahmsweise im Geografie-Zimmer zeigen, um ihrem Forschungsvorhaben Ausdruck zu verleihen – markiert diese Karte doch den unmittelbaren Ausgangspunkt von Hassensteins Beschäftigung mit Japan. In den späten 1870er-Jahren hat er sie zum ersten Mal gesehen, hat sie abgepaust und transkribieren lassen. Auf ihr sind die grünen Berge so eingezeichnet, wie man sie von den Wegen aus sehen würde, Städtenamen sind bunt umrahmt und der Fuji thront in Signalfarbe selbst über dem Ballungsraum Tokyo. In fließendem Japanisch liest Schmidtke die Kanji auf der Rückseite der Karte vor und übersetzt: "Die Karte der 13 Provinzen, von denen aus der Berg Fuji sichtbar ist. Das ist sehr poetisch!" Dass diese Poesie natürlich nicht vom spröden Hassenstein stammt, klärt die Wissenschaftlerin schnell auf: "Diese Karte stammt aus Japan, etwa von 1843, und ist eine von Hassensteins sehr gut erhaltenen Arbeitsmaterialien. Ein Hassenstein-Stempel auf der Rückseite beweist, dass er mit ihr gearbeitet hat. Und sie zeigt sehr gut, wie der Kartograf bei seiner Arbeit vorgegangen ist, wie er mit Quellen gearbeitet hat und woher er Informationen erlangte." Bei genauer Betrachtung sind tatsächlich noch die zarten Bleistiftstriche zu erkennen, mit denen Hassenstein vor fast 150 Jahren Gitternetzlinien gezeichnet und Randnotizen gemacht hat. "Hier bittet er beispielsweise um die Übersetzung der Schriftzeichen", Schmidtke zeigt auf den Rand der Karte. "Er konnte ja selbst kein Japanisch."


Dass Hassenstein wie die meisten Kartografen der Zeit selbst nicht die Länder bereisen konnte, die er kartografierte, und so auch nie in Japan war, war kein Hindernis für seine Arbeit. Dass er aber die Sprache nicht lesen konnte, in der seine Quellenkarten verfasst waren, das stellte sich gerade beim Japan-Atlas als eine große "ungeahnte Schwierigkeit" heraus. "In Briefen beschwerte sich Hassenstein sehr oft über Probleme. Er war cholerisch und schien zum Teil auch das Gefühl zu haben, die ganze Welt sei gegen ihn", die Historikerin winkt lächelnd ab. "Aber diese Schwierigkeiten beim Japan-Atlas sind nachvollziehbar. Es war nicht einfach für ihn, an gute Quellenkarten zu kommen und wenn er sie doch bekam, konnte er sie selbst nicht übersetzen. Also schickte er diese hier an einen der wenigen Japaner, die damals in Deutschland waren und zu dem er über die japanische Gesandtschaft in Berlin Kontakt aufnehmen musste. Erst nach fast einem Jahr bekam er sie wieder zurück." Am Ende sollte der Japan-Atlas, der 1885 und 1887 erschien, selbst ohne Japanreise ein sehr teures Projekt für den Perthes-Verlag werden und auch für Hassenstein selbst, der sehr viel privates Vermögen für dessen Herstellung zur Verfügung stellen musste.

Hassensteins Sprachproblem teilt Alrun Schmidtke zum Glück nicht. In Japan war die junge Mutter jedoch auch noch nie. Für ihre Dissertation plant sie deshalb einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt im Land des Fuji ein. Bis dahin forscht sie mit viel Leidenschaft aber erst einmal in Gotha und Berlin. "Hier in Gotha lässt es sich wunderbar arbeiten", schwärmt Schmidtke, die sich gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes einen Arbeitsplatz im Pagenhaus des Schloss Friedenstein mit Blick auf die Herzog-Ernst-Statue und zur Altstadt gesichert hat. Dort arbeitet sie in unmittelbarer Nähe zu den anderen Herzog-Ernst-Stipendiaten. "Häufig sitze ich aber auch im Forschungszentrum am Scanner. Ich lese viel und arbeite dabei überwiegend digital, scanne ausgewählte Literatur ein und übernehme sie in meine Literaturdatenbank. Außerdem ist mir nicht nur der Austausch mit den anderen Stipendiaten wichtig, sondern auch mit den Mitarbeitern der Sammlung. Ihr Fachwissen bringt mich oft weiter. Japan und auch Kartografie sind beide sehr voraussetzungsreiche Themen. Hier in Gotha habe ich Gesprächspartner, mit denen ich Entdeckungen und Überlegungen besprechen und diskutieren kann." Beste Bedingungen also für die Historikerin, die in Gotha so viel Wissen und Literatur sammeln möchte, dass sie später damit auch in Berlin weiterarbeiten kann. Denn dahin wird Schmidtke nach Ablauf des Stipendiums im Juli zurückkehren: "Berlin ist ein wichtiger Standort der Wissenschaftsgeschichte – und dort ist auch meine Familie. Fest steht aber, dass ich für meine Dissertation noch weitere drei Jahre mit dem wunderbaren Perthes-Material arbeiten und dafür immer wieder nach Gotha ins Forschungszentrum und ins Perthes-Forum kommen werde." Mit Sorgfalt legt die Stipendiatin die Japan-Karte wieder zusammen und zieht sich die Handschuhe aus. Vielleicht werde sie es dann auch einmal schaffen, Thüringen auf dem Fahrrad zu entdecken. Das ist nämlich eine der wenigen Leidenschaften, für die sich Alrun Schmidtke neben Forschen und Familie noch regelmäßig Zeit nimmt. "Die ersten Fahrradkarten stammen übrigens auch aus dem 19. Jahrhundert", lacht sie und es klingt, als hätte sie damit bereits das nächste Forschungsprojekt im Kopf…


Weitere Informationen:

Forschungszentrum Gotha

Herzog-Ernst-Stipendium der Fritz Thyssen Stiftung