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Dienstag, 02 Januar 2018 12:58

"Ich bin dann mal weg..." – Peter als Deutsch-Tutor in Russland

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Gastfreundschaft, Herzlichkeit und ein großes Interesse an der europäischen Kultur und Politik – damit verbindet Peter Hofmann, Student der Germanistik und der Internationalen Beziehungen an der Universität Erfurt, ab sofort Russland. Denn genau diese Erfahrungen machte er, als er in diesem Semester im Rahmen des vom DAAD geförderten Projekts "Interkulturelle Germanistik: Impulse für Forschung und Lehre zu Wort und Text" des Fachbereichs Germanistische Sprachwissenschaft als Deutsch-Tutor dort verbrachte. Nach seiner erfolgreichen Bewerbung für das Austauschprogramm und Reise-Vorbereitungen von der Visa-Beantragung bis hin zum Vokabellernen ging es für ihn und eine Kommilitonin Anfang September 2017 nach Kolomna – eine kleine, etwas mehr als 100 Kilometer südöstlich von Moskau gelegene Stadt. Dort gab er an der Staatlichen Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Universität russischen Studierenden vier Wochen lang Deutsch-Unterricht. Welche Eindrücke sein Auslandsaufenthalt bei ihm hinterlassen hat und ob er seinen Kommilitonen empfiehlt, es ihm gleich zu tun, das erzählt er am besten selbst.

"Nach der Ankunft am Flughafen in Moskau wurden wir von Mitarbeiterinnen der Universität abgeholt. Als wir Kolomna nach einer zweistündigen Autofahrt spät am Abend erreicht und uns im Wohnheim einquartiert hatten, brachen wir zu einem ersten Erkundungsspaziergang durch die nächtliche Stadt auf. Das Stadtbild von Kolomna ist sehr gemischt und neben schönen und traditionellen russischen Holzhäusern und unglaublich vielen prachtvollen Kirchen und Kathedralen auch geprägt von alten Wohnblocks, die auf mich eher beklemmend wirkten. Aufgrund der erschöpfenden Reise beschränkte sich unser erster Spaziergang jedoch auf die nähere Umgebung, da wir uns insgeheim bereits auf eine ruhige Nacht freuten.

Die Universität in Kolomna ist deutlich kleiner als eine durchschnittliche deutsche Hochschule. Das sorgte für eine familiäre Atmosphäre und kleine Unterrichtskurse, was für mich als Tutor angenehm war. Unter Anleitung der Leiterin des Lehrstuhls für Deutsch und Französisch, Dr. Khomutskaya, wurden wir an unserem ersten Tag durch die Universität geführt und allen wichtigen Personen, unter anderem der Dekanin der Fakultät und einem Träger des berühmten Lomonossow-Preises, vorgestellt. Glücklicherweise hatten wir genügend Gastgeschenke mitgebracht! Ich fühlte mich sehr willkommen, da unsere Gastgeber ihr Interesse an einem Austausch mit der Universität Erfurt immer wieder betonten. Später wurden wir dann von einer Studentin durch Kolomna geführt und unternahmen die ersten wichtigen Einkäufe, wie zum Beispiel russische SIM-Karten, für unseren Aufenthalt. Unsere Begleitung musste vieles übersetzen, da die Kommunikation außerhalb des Lehrstuhls fast vollständig auf Russisch erfolgte. Ich hatte den Eindruck, dass die Beherrschung von Fremdsprachen außerhalb der Universität und abseits der großen Metropolen in der russischen Bevölkerung kaum verbreitet ist. Deshalb lernte ich die wichtigsten russischen Sätze und Wörter so schnell wie möglich, was mir nicht nur dabei half, das Tuscheln der Studierenden im Unterricht besser zu verstehen, sondern mir nach und nach auch die alltäglichen Herausforderungen wie die Fahrten mit der Straßenbahn und das Einkaufen in den Supermärkten erleichterte. Beim Ausprobieren der verschiedenen Lebensmittel machte ich dennoch einige interessante Entdeckungen und schreckte auch nicht vor Unbekanntem zurück, weshalb mich die anderen ausländischen Bewohner des Wohnheims bald als ‚Vorkoster‘ für neue Speisen einsetzten.
Die Stunden als Tutor begannen meist nach russischer Manier mit warmen Getränken und einer täglich wechselnden Auswahl von Süßigkeiten und Gebäck im Büro des Lehrstuhls. Auch hier wurde die Herzlichkeit unserer Gastgeberinnen, die mir zu den köstlichen Speisen auch immer freundliche Worte mit auf den Weg gaben, deutlich. Gestärkt und mit dem ein oder anderen Kilo mehr auf den Hüften machte ich mich dann auf den Weg zu meinen Stunden. Die Studierenden waren sehr neugierig auf mich als deutschem Muttersprachler. Nach ihrer anfänglichen Schüchternheit versuchte ich, das Eis mit meinem rudimentären Russisch zu brechen, was mir einige wohlwollende Lacher einbrachte und die Stimmung deutlich auflockerte. Der Unterricht machte mir viel Spaß, weil die Studierenden sehr motiviert waren und vieles über Deutschland, die politische Situation in Europa und mein deutsches Studentenleben wissen wollten. Schnell konnte ich dabei soziale Kontakte knüpfen, die mir auch in meiner Freizeit Treffen mit Studierenden ermöglichten und die auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland andauern.

Neben unseren Stunden in der Universität besuchten wir auch Dorfschulen im Umkreis von Kolomna. Bei unseren Fahrten dorthin bekam ich einen Eindruck von der Weite und Schönheit der russischen Landschaft. Die Lehrerinnen und Kinder waren mir gegenüber sehr neugierig und aufgeschlossen und ich hatte das Gefühl, dass das russische Schulsystem deutlich strikter aufgebaut ist als das deutsche. Interessant war für mich besonders, durch die Sicht der Schüler neue Perspektiven auf meine eigene Kultur zu erhalten. Vor allem von den Jungen wurde ich mit Fragen zu deutschen Autos und deutschen Rockbands durchlöchert, die ich teilweise selbst nur mit Mühe beantworten konnte. Das kulturelle und ökonomische Interesse an einem deutsch-russischen Austausch wurde so auch an den Schulen deutlich, auch wenn mir dort immer wieder erzählt wurde, dass Deutsch als Fremdsprache verstärkt von Englisch abgelöst wird.
Obwohl ich bemerkte, dass der Umgang mit Ausländern für die meisten Russen eher ungewohnt ist, fiel mir während meines Aufenthalts besonders die sehr große Gastfreundlichkeit der Menschen auf. Ich habe mich durch die Betreuung im Wohnheim und an der Universität, aber auch bei Besuchen in Restaurants und Geschäften im Ausland noch nie so heimisch gefühlt. Die gute Atmosphäre im Wohnheim wurde auch durch eine kanadische Studentin und einen französischen Studenten verstärkt. Ich verstand mich mit beiden sehr gut, sodass wir gemeinsame Unternehmungen planen konnten. Auch ein Besuch in Moskau mit seinen weltberühmten und imposanten Sehenswürdigkeiten an einem freien Wochenende durfte hierbei nicht fehlen. Durch die frisch entstandenen Freundschaften fiel es mir umso schwerer, nach vier Wochen wieder Abschied von den Studierenden, Dozenten und Mitbewohnern zu nehmen. Dieser fiel dann auch sehr bedrückt mit dem einen oder anderen Glänzen in den Augen und der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen aus. Ich werde meinen Aufenthalt in Kolomna jedenfalls in sehr guter Erinnerung behalten und kann eine Bewerbung in den folgenden Jahren aufrichtig empfehlen."

– ein Gastbeitrag von Peter Hofmann –

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