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Dienstag, 14 November 2017 12:48

Off Campus im Heiligen Land: Professor Eberhard Tiefensee begleitet Pilger auf ihrer Reise durch Israel

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Pilgern ist ein Prozess der Wandlung – begleitet von einem Gestaltungs- und Veränderungswillen, von schöpferischer Kraft, die im Alltag nicht selten verlorengegangen ist. Ursprünglich ist der Pilger ein Wanderer "in der Fremde", der sich aus religiösen Motiven heraus auf den Weg zu Pilger- oder Wallfahrtsorten macht. Doch längst hat das Pilgern auch die säkularen Lebensbereiche erreicht. Während die Kirchenbesuche und Teilnahmen an Gottesdiensten rückläufig sind, mischen sich auf Jakobsweg und Co. Protestanten und tief gläubige Katholiken auch mit Atheisten, die nicht pilgern, um ihrem Gott nahe zu sein, sondern weil sie auf der Suche nach einem Sinn, nach Tiefe oder einfach nach sich selbst sind. Pilgern ist Mode geworden. "Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass den Menschen in der westlichen Welt der Alltag nicht mehr ausreicht", überlegt Eberhard Tiefensee, Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. "Alles ist technisch ausgereift, aber zu manchen Sachen haben wir einfach den Draht verloren. Unser Alltag macht uns nicht satt, wir bekommen Hunger und wissen nicht, wonach." Als Priester begleitet Tiefensee seit 25 Jahren regelmäßig Pilgergruppen auf ihrer Israel-Reise, zuletzt im Oktober kurz vor dem Semesterstart. Für seinen Glauben oder eine Auszeit vom Hier und Jetzt brauche er das selbst nicht, betont der Professor. Dass das Pilgern aber tatsächlich etwas mit dem Menschen macht, diese Erfahrung teilt auch er.

Dabei sind es keine klassischen Pilgerwanderungen, die Eberhard Tiefensee begleitet. Er schnürt nicht die Wanderschuhe und den -rucksack und muss sich keine Gedanken machen über funktionale Kleidung, Provianteinteilung und Blasenpflaster. Nicht "Back to Basic" ist das Pilgermotto, sondern "Back to Bible". Denn bei den Reisen ins Heilige Land, die er begleitet, geht es entsprechend seiner Expertise eben genau darum: die Bibel – und darum, an welchen Orten sich welche Passagen aus der Bibel tatsächlich abgespielt haben. Dieser Frage ging Tiefensee 1994 das erste Mal gemeinsam mit einer Pilgergruppe auf den Grund. Damals habilitierte sich der Theologe gerade in Tübingen. Nach einem Gottesdienst sprach ihn die dortige Diözese, die eine eigene Pilgerstelle in Stuttgart betreibt, an, ob er sich nicht vorstellen könne, Pilgerbegleiter zu werden. "Ich habe natürlich sofort zugesagt", erinnert sich Tiefensee. "Weniger, weil ich es für meinen Glauben brauchte, sondern weil es eine Chance für mich war, so kurz nach der Wende nach Israel zu kommen." Mittlerweile sind die Chefin der Pilgerstelle, die das Organisatorische einer Reise regelt, eine ortsansässige und -kundige Deutsche und er als geistlicher Begleiter ein eingespieltes Team. Mit Bibel und Ge

sangbüchern im Gepäck und mit einer Gruppe von etwa 30 Interessierten im Schlepptau reisen sie mit dem Bus auf Jesu Spuren – durch Israel, manchmal aber auch bis nach Ägypten oder Jordanien. Sobald die Route festgelegt ist, macht sich Tiefensee daran, die täglichen Gottesdienste vorzubereiten und die Textstellen aus der Bibel herauszusuchen, die für die einzelnen Stationen in Galiläa wie Kafarnaum und Tabgha oder Jerusalem und Betlehem von Bedeutung sind. Denn das ist seine Aufgabe als Pilgerbegleiter und letztlich das Ziel seiner Reisen: an realen Orten den Menschen heute das biblische Israel vor Augen zu führen. "Das Wichtigste ist, dass den Leuten klar wird: Was man in der Bibel liest, hat hier stattgefunden. Sie sollen ein Gefühl für die Geografie und die Zusammenhänge bekommen", erzählt der Pilgerbegleiter. "Am anspruchsvollsten dabei sind meist die Gottesdienste aufgrund der zum Teil unplanbaren Umstände vor Ort. Da kommt es auch schon einmal vor, dass die Gruppe hier und da für den Gottesdienst Schlange stehen muss, zum Beispiel in der Geburtskirche. Oder dass wir im Sommer einen Weihnachtsgottesdienst feiern, wenn wir schon einmal in Bethlehem sind. Besonders herausfordernd, aber auch beeindruckend sind Gottesdienste in der Wüste, wo man sich erst einen Ort dafür suchen und dann oft improvisieren muss."

So gut wie möglich bereitet sich Eberhard Tiefensee also mit seinem Programm auf die Reise und die Teilnehmer vor. Was von seinen Plänen aber letztlich realisierbar ist, zeigt sich erst vor Ort. Denn das Heilige Land ist nicht nur voll von biblischen Orten, sondern auch von hochaktuellen Hotspots. "Wir erleben dort das aktuelle Israel hautnah. Die Spannungen spürt man sofort – besonders in der Altstadt von Jerusalem: Juden, Muslime, Christen – alle scheinen permanent unter Strom zu stehen. Und natürlich kennt man die Nachrichtenlage und hat irgendwie innerlich Partei ergriffen. Wenn man dort aber erst einmal mit verschiedenen Seiten gesprochen hat und auch mit den Menschen, die permanent versuchen, Brücken zu bauen, dann wird die eigene Meinung zuweilen völlig auf den Kopf gestellt und man kehrt noch viel verwirrter zurück." Das ist nur eine Seite dessen, was mit dem Mensch

auf einer Pilgerreise ins Heilige Land passiert: ein Überdenken des eigenen Standpunktes gegenüber dem heutigen Israel und Palästina. Die andere Seite ist die Wandlung der Beziehung zur Bibel. "Ich bin wie die meisten Westeuropäer sehr kritisch an die biblischen Geschichten herangegangen, was ihre Historizität betrifft, und mit Skepsis auf die erste Pilgerreise gefahren: Brauche ich das als Christ? Aber auch ich habe schnell die Erfahrung gemacht: Man liest Bibel danach ganz anders. Das habe ich vorher unterschätzt", sagt Tiefensee. Sein Schlüsselerlebnis hatte der Religionsphilosoph in der Ruine der Synagoge in Kafarnaum. Denn während es an anderen Orten zum Teil strittig ist, wo Jesus, Maria oder Josef exakt gewesen sind oder nicht, ist es hier klar. Jesus war Jude und ist in Kafarnaum aufgetreten, also auch in dieser Synagoge, selbst wenn die Gemäuer des Originalgebäudes inzwischen unter der Erde liegen. "Mir wurde plötzlich bewusst, hier hat er wirklich gestanden", sagt Tiefensee. "Und dann wird mit einem Mal alles ganz plastisch. Man kommt ihm viel näher, und die manchmal theologisch aufgeladenen Vorstellungen über ihn, der meist weit über uns am Kreuz hängend dargestellt wird, werden wieder geerdet. Das berührt eigentlich jeden der Teilnehmer und verändert die Sichtweise." Die Erfahrung dieses Wandlungsprozesses nimmt Tiefensee jedes Mal aufs Neue wieder mit nach Hause. Und auch seine Arbeit an der Universität Erfurt bleibt davon nicht unberührt: "Obwohl ich die Professur für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät inne habe, sehe ich mich vor allem als Theologe. Und eine Theologie, die sich nur in Satzgebäuden bewegt, ist nicht authentisch und wird sozusagen religiös unmusikalisch", betont er. "Deshalb ist für mich die eigene Erfahrung unverzichtbar – ganz gleich, auf welchem Weg einem die Theologie vom Kopf wieder ins Herz kommt. Zugleich ist gerade die Konfrontation mit der Vielschichtigkeit der multireligiösen Situation in Palästina und in Israel eine gute Schule, sich mit voreiligen Schlüssen oder sogar Ratschlägen zurückzuhalten."

Wandlung und Erdung: Das haben Eberhard Tiefensees Reisen ins Heilige Land dann also doch wieder mit den klassischen Pilgerwanderungen gemeinsam. Ein Grund für ihn, diese Reisen auch weiterhin als geistlicher Begleiter zu unterstützen. Nach diesem Wintersemester verlässt er die Universität Erfurt und geht in den Ruhestand. Das Bistum Stuttgart hat deshalb schon die "Fühler ausgestreckt", um ihn dann häufiger "off Campus" im Heiligen Land einzubinden. Eine besondere Verbindung zur Universität wird er aber weiterhin haben. Auch weil – und das freut den in der DDR aufgewachsenen Professor besonders – Studierende der Theologie aus Erfurt inzwischen die Möglichkeit haben, ein Jahr lang in der Dormitio-Abtei in Jerusalem oder sogar an der dortigen Hebrew University zu studieren. Und manchmal läuft einer dieser Studierenden Tiefensee dort wieder über den Weg…

 

Abbildungen:

  • Eberhard Tiefensee bei einem Gottesdienst in der Wüste von Jordanien, 1997 (oben rechts).
  • August Petermann, Palestine illustrating it´s geographical, physical und historical Features, London um 1850, Lithografie. Forschungsbibliothek Gotha | Sammlung Perthes (unten links).

Weitere Informationen: Katholisch-Theologische Fakultät

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