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Freitag, 23 Dezember 2016 00:00

Kalendertürchen 23: Eine mittelalterliche Seereise

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Das aktuelle Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist dem Thema Meere und Ozeane gewidmet. Doch nicht nur in der Biologie, der Klimaforschung oder der Geologie spielen die Weltmeere eine bedeutende Rolle. Auch in der Literatur, im Film, in der Kartografie, der Geschichte, der Religion, der Raum-Zeitforschung, der Politik u.s.w. ist das Meer ein zentrales Motiv – kurz in vielen Disziplinen, die auch an der Uni Erfurt erforscht werden. Unser diesjähriger Weihnachtskalender schaut deshalb in 24 Türchen aus ganz unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Perspektiven auf das Thema Ozean. Heute mit einem Beitrag von Sabine Schmolinsky, Professorin für Mittelalterliche Geschichte, über eine mittelalterliche Seefahrt. 

Meere waren in der Lebenswelt mittelalterlicher Zeitgenossen und Zeitgenossinnen notwendige Reisewege, über die meist erst dann etwas mitzuteilen war, wenn sie Komplikationen bereitet hatten. Insbesondere galt dies, wenn Stürme die Reisenden bedroht hatten. In mittelalterlichen Vorstellungswelten begrenzten und umgaben Meere die mehr oder weniger gut bewohnbaren Kontinente Asien, Europa und Afrika. So wusste etwa der Kleriker Adam von Bremen, der um 1075 eine Kirchengeschichte der Erzbistümer Bremen und Hamburg verfasst hat, dass hinter Norwegen als nördlichstem Land keine menschliche Besiedlung mehr zu finden sei, sondern nur der schreckliche – 'terribilis´ – und unendliche Ozean – 'occeanus' –, der die gesamte Welt umfasse. Immerhin enthielt dieser gegenüber von Norwegen eine Reihe von Inseln, die teils bewohnt waren (Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum IV, 35).

In einem anderen Kontext als dem länderkundlichen des Adam wird jedoch in mittelalterlichen Jahrhunderten eine 'Meerfahrt' zum Thema. In Brandans Reise – Navigatio sancti Brendani – reist der Protagonist Brandan oder Brendan mit 17 Gefährten sieben Jahre lang in einem Schiff auf dem Atlantik nach Nordwesten, um das 'Land des Versprechens für die Heiligen' aufzusuchen, eine Insel pardiesischen Überflusses, die die Nachfolger Brendans aufnehmen soll, "wenn die Christenverfolgung kommt" (Orlandi, Sp. 1063).

Bild (rechts): Brandan und seinen Gefährten zeigt sich ein Meereswesen, das in der oberen Hälfte ein behaarter Mann mit Bart und Hörnern und in der unteren Hälfte ein Fisch ist. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60, Bl. 160v (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0332, 20.12.2016).

Die Figur 'Brendan/Brandan' hat einen historischen Kern um Brendan, einen irischen Klostergründer, der von 483/484 bis 577 oder 583 gelebt hat. Insbesondere ist das irische Kloster Clonfert (County Galway) zu nennen. In der Navigati' wird es als Ausgangs- und Zielpunkt der Reise bezeichnet.

Die Erzählung unter dem Namen Brendans ist frühmittelalterlichen irischen Ursprungs. Sie erscheint spätestens seit dem 10. Jahrhundert zunächst in lateinischer Sprache in der kontinentaleuropäischen handschriftlichen Überlieferung und steht in den Traditionen altirischer Reiseerzählungen sowie der christlichen Viten der Wüstenväter. In lateinischen und sowohl romanisch- als auch germanisch-volkssprachigen Fassungen wird die Geschichte rezipiert und weitererzählend ausgeschmückt. Über Jahrhunderte wird sie geglaubt: Noch auf dem für den Nürnberger Rat zwischen 1492 und 1494 angefertigten Globus nach dem Konzept des Martin Behaim findet sich eine Insula Brendani (Kindermann).

Bild (links): Am Ufer, dem Schiff Brandans und seiner Gefährten gegenüber stehen zwei Mischwesen mit Eberköpfen, bekleideten Oberkörpern und aus halben Fischleibern bestehenden unteren Körperhälften. Sie haben ihre Bogen niedergelegt, weil Brandan ihnen vom christlichen Gott berichtet. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60, Bl. 177v (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0366, 20.12.2016).

Brendans Meer ist bevölkert mit fabelhaften Lebewesen, deren hybride Verfasstheit allerdings nicht hindert, dass sie aufrecht wie Menschen der Gefährtengruppe gegenüber auftreten. In der Heidelberger Handschrift Cod. Pal. germ. 60, die die oberdeutsche Prosafassung von Brandans Reise enthält und um 1460 in Südwestdeutschland entstanden ist, sind sie in kolorierten Federzeichnungen dargestellt (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0001, 20.12.2016).

Bild (rechts): Ein Riesenfisch umschließt mit seinem Körper das Schiff Brandans und seiner Gefährten und hebt es an. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60, Bl. 179v (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0370, 20.12.2016).

Zahlreiche Fassungen in verschiedenen europäischen Sprachen bezeugen in ihrer handschriftlichen Überlieferung das bis weit ins 15. Jahrhundert andauernde Interesse an dem bildkräftigen Heiligen- und Reisebericht voller Wunder und außerordentlicher Begebenheiten. Brendan wurde darob zum Heiligen der Seeleute. Bis Meeresrauschen als Vergnügen wahrgenommen oder das Spiel der Wellen als Naturschönheit gesehen werden konnte, sollten allerdings noch Jahrhunderte vergehen.

Bild (links): Brandan und seinen Gefährten begegnet eine Sirene mit lang wallenden blonden Haaren und einer Krone auf dem Kopf. Ihre untere Körperhälfte ist die eines Fischs; ihr Oberkörper ist mit einer langärmeligen roten Jacke bekleidet. Sie deutet auf Brandan. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60, Bl. 168r (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0347, 20.12.2016).

Wir danken Sabine Schmolinsky für diesen Einblick. 

Nachweise:

  • Adam von Bremen, Bischofsgeschichte der Hamburger Kirche, in: Werner Trillmich / Rudolf Buchner (Bearb.), Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches (Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 11), 7., gegenüber der 6. um einen Nachtr. erw. Aufl., Darmstadt 2000.
  • Giovanni Orlandi, Navigatio sancti Brendani, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, München und Zürich 1993, Sp. 1063–1066.
  • Udo Kindermann, Brendan, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 2, 3., völlig neu bearb. Aufl., Freiburg u.a. 1993 u. 2006, Sp. 672.

Zum Weiterlesen:

  • Reinhard Hahn / Christoph Fasbender (Hg.), Brandan. Die mitteldeutsche 'Reise'-Fassung (Jenaer germanistische Forschungen, N.F. 14), Heidelberg 2002.
  • Navigatio sancti Brendani. Alla scoperta dei segreti meravigliosi del mondo. Edizione critica a cura di Giovanni Orlandi e Rossana E. Guglielmetti. Introduzione di Rossana E. Guglielmetti. Traduzione italiana e commento di Giovanni Orlandi (Per Verba. Testi mediolatini con traduzione, 30), Firenze 2014.
  • Zur Handschrift der Universitätsbibliothek Heidelberg Cod. Pal. germ. 60 vgl. http://www.handschriftencensus.de/4198 (20.12.2016).

 

 

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