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Donnerstag, 22 Dezember 2016 00:00

Kalendertürchen 22: Meere und Ozeane als Grenze – wie kommt es, dass Europa auch im Indischen Ozean liegt?

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Das aktuelle Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist dem Thema Meere und Ozeane gewidmet. Doch nicht nur in der Biologie, der Klimaforschung oder der Geologie spielen die Weltmeere eine bedeutende Rolle. Auch in der Literatur, im Film, in der Kartografie, der Geschichte, der Religion, der Raum-Zeitforschung, der Politik u.s.w. ist das Meer ein zentrales Motiv – kurz in vielen Disziplinen, die auch an der Uni Erfurt erforscht werden. Unser diesjähriger Weihnachtskalender schaut deshalb in 24 Türchen aus ganz unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Perspektiven auf das Thema Ozean. Heute mit einem Beitrag von Susanne Rau, Professorin für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit und Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt, über ein Fleckchen Frankreich, dass rund 8.000 Kilometer entfernt von Paris liegt.

Im Kontext der Flüchtlingswelle der letzten Jahre, bei der Menschen vor allem aus Afrika und Westasien nach Europa vorzudringen versuchen, hat das Mittelmeer den schalen Beinamen "Flüchtlingsgrab" erhalten, weil darin Menschen ertrinken und erfrieren. Bevor es zum Grab wird, stellt das Mittelmeer in diesem Kontext einen Graben dar, nämlich den Wassergraben der Festung Europa, der tief und unüberwindbar erscheint. In völkerrechtlicher Hinsicht handelt es sich um einen Abschnitt der europäischen Außengrenze, die mit vielen Mitteln verteidigt wird. 

Auch in Meeren und Ozeanen gibt es also Grenzen, auch wenn der Gedanke des freien Meeres (mare liberum) zunächst einmal nicht daran denken lässt (vgl. dazu den Beitrag von Hermann-Josef Blanke vom 6. Dezember). Sie können verschiedene Bedeutungen tragen: beispielsweise als Staatsgrenzen auf See oder als natürliche Barrieren, die den Schiffen das Überfahren verunmöglichen. Dagegen können Staatsgrenzen theoretisch wie oft auch praktisch überfahren werden. Sie sind in der Regel auf Karten eingezeichnet, im Wasser allenfalls durch Bojen und hin- und herfahrende Zollschiffe erkennbar. Passkontrollen, die über die Einreise entscheiden, finden meistens erst an Land statt, also an einem symbolischen Grenzort. Grenzen aber sind auch im maritimen Kontext gewiss nicht nur Symbole, sondern sie entscheiden über Fragen der Integration (temporär oder dauerhaft) und Exklusion. Wie komplex im Grunde Grenzen als Ordnungsmacht und Raumgestalter sind, ist mir in diesem Jahr bei einer Reise nach Mayotte aufgefallen. 

Mayotte ist ein Übersee-Departement und eine Region Frankreichs. Die ehemalige Kolonie (1841 ff.) wurde 1976 Gebietskörperschaft der Französischen Republik (Collectivité territoriale de la République française, seit 2001 unter der Bezeichnung Collectivité départementale). Am 31. März 2011 erhielt Mayotte den Status des 101. französischen Departements. Es wurde am 1. Januar 2014 als sogenanntes Gebiet in äußerster Randlage (frz. RUP = Région ultrapériphérique; engl. OMR = Outermost Region) Teil der Europäischen Union und hat denselben Status wie etwa Französisch-Guyana. Mayotte liegt circa 8.000 Kilometer von Paris entfernt am nördlichen Rand der Straße von Mosambik im Indischen Ozean zwischen der Nordspitze Madagaskars und dem Norden Mosambiks. Die Insel gehört zum Archipel der Komoren. 

Mit einer Inselfläche von 374 km² besitzt Mayotte eine Lagune von 1.100 km² und ein noch viel größeres Seegebiet. Die Integration in das französische Staatsgebiet kreiert aber auch Probleme, da Mayotte die einzige Insel der Komoren ist, die sich Frankreich anschließen konnte, was die anderen Komoren-Inseln bis dato offiziell nicht akzeptiert haben. Als französisches Departement ist Mayotte also auch Teil Europas, dessen Außengrenzen damit auch im Indischen Ozean, in der Straße von Mosambik, liegen. 

Die ersten Erwähnungen der Inseln in der Straße von Mosambik finden sich in den arabischen Enzyklopädien und Universalgeschichten des Mittelalters (von al-Mas’udi, al-Idrisi, Ahmad ibn Majid). Mit Hilfe des Letzteren schaffte auch Vasco da Gama erstmals den Seeweg von Portugal nach Indien. Fortan diente Mayotte, dessen Korallenriff allerdings schon damals als fast unüberwindlich galt, häufiger als Anlaufpunkt, auch um Proviant zu laden. Im Norden ließ sich am besten ankern, wie Augustin de Beaulieu um 1620 schrieb. Formen wie Positionen der Inseln auf Karten des 16. und 17. Jahrhunderts wechselten noch häufig, nicht immer ist Mayotte eindeutig zu identifizieren, bisweilen hieß sie "île du Saint-Esprit", bisweilen "Maoto", bisweilen war sie namenlos. Im 19. Jahrhundert gab es dann keine Unsicherheiten mehr bezüglich Form und Lage, wie sich auch am "Stieler", dem Atlas des Gothaer Verlags Justus Perthes, erkennen lässt. Die Europäer versorgten sich auf dem Komoren aber nicht nur mit Proviant, sondern bisweilen handelten sie auch. Der Holländer Paulus van Caerden belud seine sieben Schiffe um 1600 mit 366 Rindern, 276 Ziegen sowie eine größeren Menge Hühner, die offenbar von den Offizieren an Bord verspeist wurden. Unter Seefahrern und Händlern war Mayotte also schon in der Frühen Neuzeit bekannt. Freilich wurde die Insel auch von Piraten, Sklavenhändlern und Truppen benachbarter Sultanate heimgesucht, insbesondere im 18. Jahrhundert, was dazu führte, dass die Insel zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis auf wenige Tausend Einwohner weitgehend entvölkert war. Die Franzosen erklärten Mayotte 1841 zum Protektorat, schafften die Sklaverei ab und fingen an, die Insel wieder zu besiedeln. So begann die Geschichte der europäischen Integration der Insel, die freilich noch lange dauern sollte. 

Was aber bedeutet dies: Europa im Indischen Ozean? Zunächst, dass sich "Europa" (als Europäische Union) nicht allein geographisch, bezogen auf den Kontinent, beschreiben lässt. Ferner kreiert die Tatsache, dass Mayotte seit 2011 französisches Departement und seit 2014 RUP bzw. OMR ist, eine eigene Flüchtlingsproblematik, da auf Anjouan, Mohéli und der Grande Comore, also den benachbarten Komoreninseln, eine viel größere Armut herrscht. Von den heute rund 210.000 Einwohnern (2002 waren es noch 160.000) sind etwa ein Drittel illegale Einwanderer. Bezeichnend ist auch die steigende Geburtenrate der Geburtsklinik von Mayotte: circa 10.000 Geburten pro Jahr, ein Großteil der Neugeborenen stammt von (meist illegalen) Einwanderern. Denn wer als Kind einer Immigrantin auf Mayotte geboren wird, erhält dort automatisch eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung und hat das Recht, sich ab dem zehnten Lebensjahr für die französische Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Die Nachbarinsel Anjouan liegt etwa 70 Kilometer nördlich von Mayotte in Sichtweite, von dort sind es lediglich drei bis vier Stunden, auch auf kleinen Booten. Vor der Integration Mayottes in den französischen Staat bzw. die EU brauchte man als Komorer noch kein Visum. Wenn die Komorer jetzt allerdings keines haben, müssen sie die Insel sehr rasch wieder verlassen. Insbesondere Erwachsene werden (häufig mehrfach) zurückgeschickt bzw. zurücktransportiert. Kinder unter 18 Jahren, die nicht abgeschoben werden dürfen, bleiben oft allein auf Mayotte zurück, leben entsprechend verwahrlost in Bidonvilles (Wellblechbehausungen) und organisieren sich in Kinder- und Jugend-"Gangs". Wenn sie keinen Anschluss an Bekannte oder Verwandte haben, müssen sie stehlen, kommen ins Gefängnis – und so beginnt der ganze Circulus vitiosus der Kriminalisierung. Dies alles zeigt auch: Integration kreiert auch Trennung (von anderen) und Ungleichheit. 

Und was bedeutet Mayotte für die Komorer? Ist es für sie Europa? Vermutlich haben die meisten von "Europa" keine Vorstellung. Sie verbinden damit eher Wohlstand, Ordnung und Reichtum, sehr wahrscheinlich auch Hoffnung. Dies ist eine gute Sache, aber umso schlechter, wenn sie enttäuscht wird. Was also wäre zu tun? Neben Entwicklungshilfe wäre Aufklärung eine Möglichkeit, allerdings auf beiden Seiten. Denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir ebenso wenig über Mayotte und die Komoren wie die Mahorais über uns. Sich mit der jeweiligen Geschichte, Sprache, Kultur und Religion zu beschäftigen, wäre auch ein erster Akt der Grenzüberwindung. 

Wir danken Susanne Rau für ihren Einblick. 

Abbildung: Stieler-Karte von 1875: Süd-Afrika & Madagaskar (http://kartenlabor.uni-erfurt.de/maps/232)

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