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Mittwoch, 29 Juli 2015 06:00

Die Reformation umfassend verstehen: Zachary Purvis forscht am Forschungszentrum Gotha zum "Corpus Reformatorum"

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Zachary Purvis sitzt entspannt im Aufenthaltsraum des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt. Es ist sein letzter Tag in der Residenzstadt. Der Herzog-Ernst-Stipendiat hat drei Wochen hier verbracht, um in der Forschungsbibliothek Gotha für sein PostDoc-Projekt über das Corpus Reformatorum zu recherchieren. Schon morgen wird er  die Heimreise ins schottische Edinburgh antreten, wo er zurzeit an der School of Divinity der Universität forscht. Im Gepäck hat er dann eine Menge Aufzeichnungen, Scans und Kopien der Gothaer Bestände, die für seine Auseinandersetzung mit der Schriftensammlung von Reformationstexten aus dem 19. Jahrhundert essentiell sein werden. Ein Gespräch über Mathematik, die Luther-Dekade und den Beitrag, den er dazu leisten möchte:

Dr. Purvis, Sie sind ein Amerikaner, den es gerade nach Gotha verschlagen hat, und ein Mathematiker, der nun zu Religionsgeschichte forscht. Wie kam das denn und wie passt das alles zusammen?

(lacht) Ja, tatsächlich habe ich zunächst Mathematik an der Washington State University studiert, aber daneben auch schon Geistes-
wissenschaften und die Freien Künste. Bei meinem Master am Westminster Seminary California bin ich dann auf Theologische Geschichte umgestiegen. Das Mathe-Studium hilft mir aber heute noch, logisch zu denken und einen Aspekt in viele kleine Teilaspekte zu zerlegen.

Und warum sind Sie jetzt in Gotha?

Nach Europa führte mich meine Promotion, die ich in Oxford ablegte. Als ich vergangenes Jahr einige Zeit in Mainz am Institut für Europäische Geschichte verbrachte und mir Gedanken über ein neues Forschungsprojekt machte, hat mir jemand vom Herzog-Ernst-Stipendium hier in Gotha erzählt. Nachdem dann für mich feststand, dass ich zum Corpus Reformatorum forschen möchte, habe ich mich für das Stipendium beworben, um hier vor Ort auch an den Beständen der Forschungsbibliothek Gotha forschen zu können.

Inwiefern sind diese denn von Bedeutung für Ihr Forschungsvorhaben?

Einer der Herausgeber des Corpus Reformatorum war Karl Gottlieb Bretschneider. Er war Theologe und Generalsuperintendant der Gothaer Kirche, deshalb liegt ein großer Teil seines Nachlasses heute in der Forschungsbibliothek Gotha. Bretschneider war Lutheraner und ein Vertreter der protestantischen Aufklärungstheologie. Ihm lag viel an einem umfassenden historischen Verständnis. Er war der Meinung, dass die Werke Luthers so oft publiziert und wiederaufgelegt wurden, dass die weniger großen Akteure der Reformation wie Philipp Melanchthon, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin zu wenig Aufmerksam zuteilwurde. Deshalb begann er 1834, an diesem Editionsprojekt zu arbeiten und bekam dabei sogar Unterstützung vom Preußischen Kultusministerium.

Warum das? Welches Interesse hatte denn der Preußische Staat daran?

Preußen dachte, wenn es dieses Projekt unterstützt, wird gleichzeitig die sogenannte Unionskirche – die Fusion der lutherischen und reformierten Kirchen zu einer vereinigten Kirche – gefestigt. Der König von Preußen Friedrich Wilhelm III. gründete 1817 aus lutherischen und reformierten Gemeinden die Evangelische Kirche in Preußen. Er – selbst reformiert – litt immer darunter, mit seiner inzwischen verstorbenen lutherischen Frau nicht das Abendmahl zelebrieren zu können, weil beide Glaubensrichtungen unterschiedliche Auffassungen darüber hatten. Das 300. Reformationsjubiläum 1817 schien ihm eine geeignete Zeit, die beiden protestantischen Richtungen zu vereinen. Als Bretschneider später die Texte der Reformation, allen voran die von Melanchthon, Zwingli und Calvin, neu auflegen wollte, kam dem König und seinem engagierten Kultusminister Karl vom Stein zum Altenstein das sehr gelegen. Sie dachten, die Reformation könnte damit re-interpretiert und eine neue gemeinsame Identität hervorgebracht werden. Übrigens gab Bretschneider deshalb gezielt Melanchthons Texte in der ersten Edition heraus. Er war ein Vermittler und Schlichter zwischen Luther und den Reformierten.

Und was finden Sie heute noch in der Forschungsbibliothek Gotha dazu?

Es gibt beim Corpus Reformatorum eine geschichtliche Komponente – die Menschen wollten die Entwicklung des Christentums in den vergangenen 1000 Jahren verstehen – und eine ideologische, nämlich die Unionskirche des Königs. Aber es gibt hier in Gotha noch eine starke lokale Komponente: Die Herzogliche Bibliothek von Gotha war so etwas wie das Rückgrat für das Projekt, weil Bretschneider hier arbeitete. Viele der Texte, die er benutzte, kamen zum Reformationsjubiläum 1717 nach Gotha, als der damalige Bibliotheksdirektor Ernst Salomon Cyprian Texte erwarb und Gotha damit zum Zentrum der Reformationsforschung machte. Diese Texte und Manuskripte überlebten die Jahre bis Bretschneider begann, damit zu arbeiten. Und wenn er keinen Zugang zu wichtigen Texten hatte, schrieb er andere Bibliothekare, Freunde und Wissenschaftler aus ganz Europa an und fragte nach Kopien von Briefen und Manuskripten. All das wird noch heute hier bewahrt. Deshalb bin ich hier, um Bretschneiders Briefe zu lesen, zu schauen, welche Bestände es zu seiner Zeit gab, und zurückzuverfolgen, wie die bedeutenden Texte hierher kamen und dann Eingang in das Corpus Reformatorum fanden.

Uns steht ja auch wieder ein Reformationsjubiläum bevor und wir befinden uns mitten in der Luther-Dekade. Was können und wollen Sie mit Ihrem Projekt dazu beitragen?

Bis 2017 möchte ich meine Forschung dazu gern abgeschlossen haben und natürlich versuche ich, das Projekt in die Luther-Dekade einzupassen. Es wird viele Veranstaltungen geben, die sich mit Luthers Erbe beschäftigen, seinen Gedanken und Verdiensten. Ich denke aber, dass ganz viele verschiedene Gesichtspunkte auch geschichtlich verstanden werden müssen. Ich werde in meiner Arbeit auch Luther berücksichtigen, aber vor allem seine Rezeption um 1817, in einer Zeit, als Luther eine Art national-kultureller Held für die deutschen Staaten wurde und Deutschland quasi schon weit vor Bismarck vereinigte. Das möchte ich einerseits verstehen und andererseits die Bedeutung von Nebenakteuren wie Melanchthon herausstellen, die nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch im 19. Jahrhundert sehr wichtig waren und nicht so große Aufmerksamkeit in der zeitgenössischen Wissenschaft erfuhren.

Ist das Corpus Reformatorum denn auch unabhängig vom Reformationsjubiläum heute noch von Bedeutung?

Ja, denn Historiker, die sich mit Religion beschäftigen, benutzen es nach wie vor. Es ist eine Art Einstieg in die Reformationstexte. Und es hat seine eigene Geschichte im 19. Jahrhundert, deshalb bringt es für mich Religionswissenschaftler der Neuzeit und der Frühen Neuzeit zusammen. Es ist auch geschichtlich interessant, weil es in Deutschland und Europa zu einer Zeit aufkam, als es Veränderungen in den wissenschaftlichen Idealen gab, beispielsweise die Anfänge der richtigen Archivforschung, der Rückbezug auf Originalquellen. Das Corpus Reformatorum ist an einem Scheitelpunkt dessen entstanden, was der Berliner Historiker Theodor Mommsen später als Großbetrieb der Wissenschaft bezeichnete: diese großformatige Wissenschaft mit Projekt-Kollaborationen und Fragen, wie wir unsere Wissenschaft modernisieren und mechanisieren können, indem wir Forschungsteams bilden, Arbeitsteilung und Spezialisierung betreiben. Das hat zu großen Entwicklungen in der Welt beigetragen und das ist der Entstehungsrahmen des Corpus‘ Reformatorum, der bis heute nachwirkt. Außerdem beeinflusst es uns natürlich noch, weil uns Religion im Allgemeinen in unserem Alltag begleitet. Es hilft uns, zu verstehen, wie sich die Ideen des 16. Jahrhunderts verändert haben und wie wir sie heute noch wahrnehmen.

Es ist also eine zeitlose Quelle, für deren Erforschung Gotha ein wichtiger Ausgangspunkt ist?

Genau! Ich bin dankbar für das Herzog-Ernst-Stipendium und dafür, dass ich damit hier am Forschungszentrum und in der Forschungsbibliothek arbeiten durfte. Ich hatte eine wirklich fruchtbare Zeit und ich habe mich sehr wohl gefühlt - aber Gotha ist ja auch ganz „charming“.

Vielen Dank für das Gespräch!


Abbildungen: Zachary Purvis vor dem Forschungszentrum Gotha (oben); Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt im Schloss Friedenstein (unten)

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