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Montag, 15 Juni 2015 10:00

Vier Jahreszeiten und ein Forschungsstipendium – Jana Ilnicka ist die neue Amplonius-Stipendiatin an der Universität Erfurt

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Endlich wieder richtige Jahreszeiten! Na gut, man muss schon genauer hinschauen, um Vorteile zu finden, die das Leben in Erfurt gegenüber dem Leben in Rom hat. Jahreszeiten und nicht das halbe Jahr über brütende Hitze sind für Jana Ilnicka aber tatsächlich eine Wohltat. Allein deshalb hätte es die ukrainische Linguistin nach ihrem Philosophie-Studium an der päpstlichen Universität in Rom aber natürlich nicht in die thüringische Landeshauptstadt gezogen. Viel mehr sind es die Vorzüge, die sie hier als Forscherin genießt. Seit April ist sie Doktorandin am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, ein zusätzliches Amplonius-Stipendium der Katholisch-Theologischen Fakultät ermöglicht ihr außerdem die intensive Arbeit mit den Sonderbeständen der Universitätsbibliothek. Ein Treffen in der Bibliotheca Amploniana der Universität Erfurt…

Ganz vertieft in eine mittelalterliche Handschrift sitzt Jana Ilnicka im Lesesaal der "Bibliotheca Amploniana", der Manuskriptsammlung des spätmittelalterlichen Mediziners und Gelehrten Amplonius Rating de Berka, die heute zu den bedeutendsten Handschriftensammlungen Deutschlands gehört. Vor ihr liegen nur ein altes Buch und ein kleiner Laptop, in den sie die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Lektüre tippt und Passagen transkribiert. Eigentlich verfasst die promovierte Linguistin ihre zweite Doktorarbeit über die aristotelische Kategorie Relatio bei Meister Eckhart. Gerade blättert sie jedoch in einem Kommentar von Thomas von Erfurt über Aristoteles‘ Kategorienschrift. "Mich interessieren vor allem die kleinen Autoren, die noch nicht so stark wissenschaftlich bearbeitet wurden", sagt Jana Ilnicka und schiebt die Handschrift erst einmal sanft zur Seite. "Sie helfen uns, das größere Ganze zu verstehen und nicht nur die Höhepunkte, wie Meister Eckhart, wahrzunehmen. Es gibt Schriften von Meister Eckhart – wie die neuaufgefundenen sogenannten Questionen – von denen wir nur die Notizen haben und die sich lesen, als hätte sie jemand nur für sich aufgeschrieben. Um sie zu verstehen, muss man auch die kleinen zeitgenössischen Autoren zu diesem Thema lesen."

Thomas von Erfurt war ein Magister, der um 1300 in Erfurt lebte, der sich für die logische Grammatik interessierte und auch logische Werke von Aristoteles wie eben jene Kategorienschrift kommentierte. Er lebte also zur selben Zeit in Erfurt wie auch der bekannte Theologe und Philosoph Meister Eckhart, der zwischen zwei Aufenthalten in Paris in der heutigen Landeshauptstadt wirkte. Beide schrieben etwa zur selben Zeit und am selben Ort über dieselben Themen. Für die Wissenschaftlerin ist es deshalb ganz besonders interessant, sich auch mit Thomas von Erfurts Schriften auseinanderzusetzen, gehörte er doch zu Eckharts Netzwerk von Magistern, innerhalb dessen er sich rege austauschte. Deshalb erwartet Jana Ilnicka au

ch Zusammenhänge zwischen den beiden Gelehrten, wenn es um die Relatio geht, also um jene der zehn Kategorien, mit der Aristoteles die Frage, worauf sich etwas bezieht und in welcher Beziehung zwei Dinge stehen, meint. "Gerade die Relatio ist ein besonders spannendes Thema und das war es auch schon im Mittelalter", betont Ilnicka. "Denn hier geht es auch um die Dreifaltigkeit und die Beziehung zwischen Vater, Sohn und dem Heiligen Geist. Es gibt wirklich sehr viele mittelalterliche Theorien dazu." Deshalb steht die Forscherin noch ganz am Anfang ihrer Arbeit, es gibt für sie viel zu tun. "Aber ich erkenne auch schon einige Überschneidungen bei den beiden Gelehrten", sagt sie. So habe Aristoteles gewisse Punkte beispielsweise nur sehr flüchtig entwickelt. Thomas von Erfurt baute einige davon zu eigenen Theorien aus – und meist waren das genau die Themen, für die sich auch Meister Eckhart interessierte. Nur waren die beiden dann scheinbar nicht immer einer Meinung. Jana Ilnicka lacht und erklärt das näher: "Nehmen wir einmal die Unterscheidung zwischen der wirklichen Beziehung und der begrifflichen Beziehung. Dazu sagt Aristoteles sehr wenig, aber im Mittelalter war das ein heiß diskutiertes Thema. Es gab zwei Lager: Die einen sagten, alle Beziehungen existieren wirklich. Das andere Lager war überzeugt, einige Beziehungen existieren wirklich, aber andere sind erst das Ergebnis des Denkens. Thomas von Erfurt und Eckhart unterstützen beide das letztere Lager, definierten dabei aber völlig unterschiedlich, was für sie überhaupt eine wirkliche und was eine begriffliche Beziehung ist." Über die Lektüre von Kommentaren wie diesem von Thomas von Erfurt möchte Ilnicka nun genau solchen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Meister Eckharts Annahmen und der seiner Zeitgenossen nachgehen. Und Thomas von Erfurt ist da ein besonderes Beispiel – nicht nur weil er räumlich und zeitlich mit Eckhart in Verbindung stand. "Normalerweise suchen die Kommentatoren des Mittelalters ja eher den Autoren, den sie kommentieren, als sich selbst. Aber in dieser Schrift sehe ich Thomas von Erfurt selbst. Er bearbeitete den aristotelischen Text so genau, dass letztlich auch seine eigene Theorie und sein eigenes Interesse an dem Thema deutlich werden."

Die Amplonius-Stipendiatin zieht die Handschrift wieder näher zu sich heran und beginnt, mit routiniertem Blick die akkurat handschriftlich verfassten Zeilen zu überfliegen. Sie stoppt bei einer Zeile, bei der etwas über den rechten Seitenrand hinaus geschrieben steht. "Auch so etwas ist besonders interessant für mich. Ein Kommentar am Kommentar, der noch einmal eine ganz andere Dimension eröffnet." Um weiteren solchen vermeintlichen Kleinigkeiten auf die Spur zu kommen, muss die Philosophin aber noch viele Stunden in der Bibliotheca Amploniana sitzen und in mittelalterlichen Handschriften blättern. Jana Ilnicka freut sich darauf, schließlich ist es ihr hier an der Universität Erfurt möglich, unmittelbar in Meister Eckharts ehemaligem lokalen Wirkungskreis zu arbeiten und aus den reichen Beständen mittelalterlicher Schriften der Amploniana zu schöpfen. Hinzu kommt das Forschungsumfeld des Max-Weber-Kollegs, das die Promovendin besonders schätzt: "Als ich in Kiew promoviert und in Rom studiert habe, hat jeder für sich geforscht und man lernte die anderen Forschungsvorhaben höchstens einmal bei einer Tagung kennen. Hier in Erfurt ist das ganz anders, ein ganz besonderer Forschungsstil wird hier gepflegt. In regelmäßigen Kolloquien, an denen jeder teilnehmen und teilhaben kann, tausche ich mich mit anderen Forschern aus, bekomme von ihnen zusätzliches Input und neue Anregungen. Wir stecken unseren Kopf nicht nur in die eigene Arbeit, sondern betrachten jedes unserer Forschungsthemen aus unterschiedlichen Perspektiven. Jeder weiß, was der anderer gerade macht. Das gefällt mir sehr gut, denn es erinnert mich an die Anfänge der klassischen Universität" – und vielleicht erinnert es sogar ein wenig daran, wie hier Forschung bereits zu Zeiten Meister Eckharts ging. Damit hat Erfurt Rom also doch so einiges mehr voraus als nur die vier Jahreszeiten.

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