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Montag, 15 Dezember 2014 01:00

Kalendertürchen 15: Vorgestellt

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Unser diesjähriger Online-Adventskalender steht ganz unter dem Motto Wissen und Sammeln. Jeden Tag findet ihr in eurem Türchen ein Stück nützliches und manchmal auch unnützes Wissen, einen Universitätsangehörigen, der sich als leidenschaftlicher Sammler zu erkennen gibt, oder einfach Wissenswertes über das Sammeln als Kulturtechnik und über unsere einzigartigen Sammlungen in Erfurt und Gotha.

Ein Sammler auf Reisen für den Herzog oder: Wie die Orientalische Handschriftensammlung nach Gotha kam [...]


„Eine Hauptregel besteht ohne Zweifel darin: mich in jenen Gegenden in allen Stücken denen, die mit mir umgehen, so viel es nur immer möglich ist, ähnlich zu machen“, schreibt der Mediziner Ulrich Jasper Seetzen Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Reiseplan ins innere Afrika. An seine Vorsichtsregeln in Absicht des Verhaltens gegen Reisegefährten und die Bewohner der zu bereisenden Länder, die auch Empfehlungen für andere Reisende beinhalten, hielt er sich bei seinen Expeditionen  – unter anderem nach Ägypten, Syrien, in den Libanon und auf die arabische Halbinsel – selbst so gut er konnte: Er lernte Arabisch, nannte sich in Mūsā al-Ḥakīm um, kleidete sich wie die Einheimischen, aß wie sie, versuchte, „sich den Meinungen seiner Gefährten anzuschmiegen“, setzte „sich ganz über europäische Vorurtheile des Standes, Ranges, und über europäische Bequemlichkeiten hinweg“ und achtete darauf, nicht zu viel Hab und Gut bei sich zu führen, um keine Neider auf den Plan zu rufen. Auch sein medizinisches Wissen verhalf ihm immer wieder zu Akzeptanz unter fremden Völkern. An einem Tag im Jahr 1811 schützten ihn all diese Vorkehrungen jedoch nicht: Auf dem Weg in die jemenitische Hauptstadt Sanaa kam er unter ungeklärten Umständen ums Leben. Seinen Förderern Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg-Gotha und dessen Sohn Herzog August konnte er bis dahin aber immer wieder orientalische Artefakte nach Gotha schicken. Heute verdankt die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt nicht zuletzt seinem Entdeckerdrang und seiner Abenteuerlust ihre Orientalische Handschriftensammlung, die mit 3.496 Bänden die drittgrößte ihrer Art in Deutschland ist.

Ulrich Jasper Seetzen war der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus Jever. Ab 1785 studierte er an der Universität Göttingen Medizin, entdeckte aber bereits während des Studiums seine Vorliebe für Naturgeschichte, Anthropologie und Technologie. Schnell entwickelte er das Bedürfnis, in fremde Länder zu reisen und die Sitten, Bräuche, Natur- und Kunstprodukte anderer Völker kennenzulernen. Die Bekanntschaft zu Alexander von Humboldt, der wie er Mitglied der Göttingschen Physikalischen Gesellschaft war und 1799 zu seiner Amerika-Reise aufbrach, inspirierte ihn zusätzlich. So begann Seetzen, der in Deutschland gut von seiner Windsägemühle und seiner Muschelkalkbrennerei leben konnte, zunächst, durch Deutschland und Europa zu reisen. Bald schon aber zog es ihn in exotischere Länder. Er verkaufte seinen Besitz, reiste jedoch erst einmal nach Gotha, um sich in der Sternwarte am Seeberg von Franz Xaver Freiherr von Zach die Instrumente zur astronomischen Ortsbestimmung erklären zu lassen. In der Residenzstadt machte er auch die Bekanntschaft von Herzog Ernst II. von Sachsen – Altenburg – Gotha, der sich als Financier von Seetzens bevorstehenden Reisen anbot und ihm im Gegenzug den Auftrag erteilte, orientalische Schriften und Artefakte zu erwerben und nach Gotha zu schicken. Dort gab es durch Schenkungen und den Ankauf der Bibliothek von Johann und Johann Ernst Gerhard, zwei Jenaer Theologen, bereits erste arabische, persische und osmanisch-türkische Handschriften. Für ein Orientalisches Museum, das der Herzog plante, reichte dies jedoch nicht aus und so bedeutete dieser Auftrag für beide Partner ein Gewinn. Mit dem Rückhalt dieser finanziellen Sicherheit, an der sich auch andere Auftraggeber und Sammler beteiligten, machte sich Seetzen 1802 auf die große Reise. Dabei konnte er nicht nur seinen Wissensdurst nach dem Fremden stillen und zahlreiche Schriften zu Botanik, Technik, Natur und Völkerkunde verfassen, sondern auch seine Sammelaufträge akribisch verfolgen. 1809 zählte er in einem Brief auf, welche Funde er bereits in die deutsche Heimat schickte: „1.574 Manuscripte, 3.536 Antiquitäten, Hausgeräthe, Schmuck, Thiere, Pflanzen, Mineralien, 4 vollständige Mumien, 40 Mumienköpfe, eine Menge einbalsamierte Ibisse und Ichneumone, arabische Werke über Geographie, Geschichte, Astrologie etc.“ Bis Seetzen die Sammlungen jeweils verschiffen konnte, waren er und seine Begleiter zum Teil mit einer Karawane von mehr als 15 Kamelen unterwegs – entgegen seiner selbst auferlegten Sicherheitsvorkehrungen, sich relativ unauffällig und angepasst zu verhalten. Und so kam es vielleicht auch, dass er bei seiner zweiten Jemen-Reise an jenem schicksalhaften Tag im Jahr 1811 zu viel Aufmerksamkeit mit seinen Schätzen erregte. Mit seinem Leben gingen auch einige große Sammlungen altsüdarabischer Handschriften und verschiedener natur- und landeskundlicher Gegenstände verloren. Und obwohl sein – scheinbar einer Vergiftung zum Opfer gefallener – toter Körper noch im Oktober 1811 aufgefunden wurde, erreichte die Nachricht seines Todes Deutschland erst vier Jahre später.

Den Großteil des Bestandes der Orientalischen Handschriftensammlung hat die Forschungsbibliothek noch heute Seetzen und seinen Gönnern auf Schloss Friedenstein zu verdanken. Mit Seetzens Tod ging die Phase des Sammelns in umfangreichem Maße jedoch vorüber. Die Gothaer Bibliothek erwarb im 19. Jahrhundert noch etwa 40 Handschriften in Antiquariaten und Auktionen und erwirbt bis heute jährlich noch einige wenige. Nachdem die orientalische Sammlung 1946 zusammen mit dem größten Teil der ehemaligen Herzoglichen Bibliothek auf Schloss Friedenstein als Kriegsbeute des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion gebracht und 1956 vollständig nach Gotha zurückkehrte, war der Zuspruch innerhalb der damaligen DDR aber sehr gering. Dass sich das in jüngster Zeit zum Glück wieder geändert hat, wird nun wohl auch dem Risiko gerecht, dem sich Ulrich Jasper von Seetzen auf seinen Reisen für diese Sammlung ausgesetzt hat.

Weitere Informationen zur Sammlung hält unser druckfrisch erschienener Flyer „Die Orientalische Handschriftensammlung“ bereit.

Bild: Aḥmadī: Iskandar-nāma. Mutmaßlich Ende 15. Jahrhundert. FBG, Ms. orient. T 186, Bl. 305b. [Foto: Sergej Tan]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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