www.uni-erfurt.de

Folge uns auf Facebook

Freitag, 24 Oktober 2014 08:57

"Die natürlichste Sache der Welt“ – Frank Becker zwischen Bürostuhl und Ultramarathons

Artikel bewerten
(7 Stimmen)
Langstreckenläufer Frank Becker Langstreckenläufer Frank Becker

Ein Auto braucht er nicht. Er läuft eigentlich immer, zur Arbeit, zum Einkaufen, in die Stadt. Und wenn er schnellen Schrittes über den Campus läuft, hat er es nicht unbedingt eilig. Das ist einfach sein Lauftempo. Denn Frank Becker, IT-Mitarbeiter an der Uni Erfurt, ist passionierter Langstreckenläufer. Er gehört zur „Extremläuferszene“ und ist schon beim New York Marathon mitgelaufen und beim Ultra Trail du Mont Blanc in Frankreich und im September 2014 beim Spartathlon in Griechenland, 246 Kilometer non-stop von Athen nach Sparta.

Noch vor 15 Jahren hätte Becker sich das nicht träumen lassen. Er ist da, wie er sagt „einfach so reingerutscht“. Eigentlich ist er durchs Wandern zum Laufen gekommen. Im Jahr 2000 hatte er bei einer Hüttentour in den Alpen Probleme mit seiner Kondition. Deshalb hat er im Frühjahr 2001 mit dem Laufen angefangen und sich der Laufgruppe des Universitätssportvereins Erfurt e.V. (USV Erfurt) angeschlossen. „Am Anfang waren 10 Kilometer eine unfassbare Strecke für mich. Aber auf einmal ging alles ganz einfach. Nach drei Wochen bin ich schon 13 Kilometer am Stück gelaufen“, blickt Becker zurück. Seine Lauffreunde haben ihn dann gleich für die ersten offiziellen Läufe angemeldet. Im Sommer 2001 ist er problemlos den Kirschlauf und den Rennsteigstaffellauf mitgelaufen. 2002 hat er seinen ersten Marathon absolviert und 2003 den ersten Supermarathon auf dem Rennsteig mit 73 Kilometern. Ist so viel Laufen noch normal? Frank Becker meint „man muss es andersherum sehen, ‚unnormal‘ sind die, die sich nicht bewegen. Wenn man da einmal drin steckt, ist es überhaupt nicht mehr extrem.“ Das ist auch seine Motivation. „Laufen ist schließlich die natürlichste Sache der Welt.“

Frank Becker ist schon als Kind immer viel gelaufen. Erst zum Kindergarten, später in die Schule, pro Strecke alleine 20 Minuten. Dazu kamen regelmäßige Wanderungen mit den Eltern. „Vielleicht ist das ja mein Geheimnis?“, überlegt Becker, „schließlich bin ich das Laufen von Kindesbeinen an gewöhnt.“ Im Sportunterricht hatte er meistens eine 2 oder 3. „Aber im 3km-Lauf habe ich immer eine 1 bekommen“, erinnert sich der begeisterte Läufer.

Heute schnürt Frank Becker mindestens drei Mal pro Woche seine Laufschuhe und macht sich auf den Weg zu seiner Trainingsrunde. Er läuft in und um Erfurt, bis zu 35 Kilometer in ca. drei Stunden. Dienstags und donnerstags ist er beim Lauftreff des USV Erfurt dabei und am Wochenende dreht er seine individuellen Runden. „Das ist der Normalfall“, sagt Becker, der seit 2006 Leichtathletik-Abteilungsleiter des USV Erfurt ist. Die Regelmäßigkeit ist wichtig, aber auch die ein bis zwei Tage Pause zwischen den Läufen. Der Körper muss sich schließlich auch erholen können.

Im Universitätsrechen- und Medienzentrum an der Uni Erfurt kümmert sich Frank Becker um IT-Sicherheit, IT-Beschaffung und das WLAN. In seinem Arbeitsalltag ist eher der Kopf gefragt. Doch der 49-jährige Computer-Fachmann findet, dass sein Beruf und das Laufen hervorragend zusammenpassen und in einer Wechselwirkung zueinander stehen. „Für Extremläufe muss man auch gut planen und organisieren können. Davon profitiere ich auch bei der Arbeit“, ist Becker überzeugt. „Ich brauche bei einem Ultralauf eine Strategie, muss mich mit der Strecke auseinandersetzen, den Wetterbericht verfolgen, überlegen, welche Sachen ich mitnehme, oder wann es dunkel wird und an welcher Verpflegungsstation ich beispielsweise meine Kopflampe oder warme Sachen deponieren muss, damit ich sie nicht die ganze Zeit mitschleppen muss. Beim Laufen bin ich ja dann allein, da kann mir keiner mal schnell eine Jacke reichen, wenn es kalt wird.“

Vor einem Langstreckenlauf verändert Frank Becker seine Trainingsgewohnheiten nicht. „Die Grundlagenausdauer ist einfach da. Und ich baue die Wettkämpfe im Frühjahr auf.“ Es beginnt jedes Jahr mit dem Kyffhäuser-Berglauf, dann kommt die Harzquerung, gefolgt vom Rennsteiglauf. Und so geht es munter weiter. Im Durchschnitt nimmt der Extremläufer zwischen März und Oktober alle zwei Wochen mit seinen Vereinsfreunden an einem offiziellen Lauf teil. Becker geht es dabei nicht ums Gewinnen. Dass er zweimal Altersklassensieger bei der Harzquerung war, oder dass er 2014 den 1. Erfurt-Marathon gewonnen hat, erzählt er „ganz nebenbei“. Seine persönlichen Erfolge sind der Ultra Trail du Mont Blanc und der Spartathlon. „In Frankreich im Hochgebirge zu laufen, war echt toll. Das ist landschaftlich so beeindruckend. Und der Ultramarathon in Griechenland war für mich ein historisch interessantes Erlebnis“, schwärmt der Langstreckenläufer. „Aber auch der ‚Rennsteig nonstop‘ war schön, als ich den ganzen Rennsteig mit seinen 168 Kilometern am Stück gelaufen bin.“ Gut eine Woche braucht ein geübter Wanderer für die Überquerung des Rennsteigs. Frank Becker hat es in 24:34 Stunden geschafft. Das, was ihn bei solchen Läufen besonders reizt, ist die Grenzerfahrung: „Was schaffe ich nonstop? Wie lange kann ich ohne größerer Pause laufen?“.

Es sei häufig „Glückssache“, ins Ziel zu kommen, erklärt Becker. Er selbst musste noch nie aufgeben und hat noch keinen Lauf abgebrochen. Bei den großen Langstreckenläufen sei die Ausfallrate allerdings bei ca. 50 Prozent. Der Ultra Trail du Mont Blanc mit seinen 168 Kilometern war für ihn wie ein Abenteuer. Es dauerte zwei Nächte und einen Tag. „Zwischen den Verpflegungspunkten ist man ganz auf sich allein gestellt. Wenn man dann nachts mit der Kopflampe durchs Hochgebirge läuft, darf man sich nicht zu viele Gedanken machen.“ Trotzdem wird es mental meistens schwierig. „Ohne Tiefpunkt geht es eigentlich nicht. Es gibt immer schwierige Phasen bei solchen Extremläufen, aber weniger körperlich als mental. Manchmal habe ich auch einen ‚Blackout‘, aber das ist in der Laufszene normal“, beschreibt der Ultraläufer seine Erfahrungen. „Man muss sich quälen können.“

Wie viele Kilometer er im Jahr läuft, kann Frank Becker eigentlich nicht genau sagen. Aber es gibt Statistiken für Ultraläufer, da werden die offiziellen Läufe automatisch erfasst. Im Jahr 2013 ist Becker allein über 300 Kilometer bei Ultramarathons gelaufen. Und 2014 waren es schon über 600 Kilometer. Nach seinen nächsten Zielen gefragt fällt dem Langstreckenläufer nichts Konkretes ein. „Aber es gibt noch einige schöne Landschaftsläufe weltweit und auch 100-Meilen-Läufe, an denen ich noch nicht teilgenommen habe. Eventuell will ich mal einen 48-Stunden-Lauf mitmachen.“ Langweilig wird ihm wohl ganz sicher nicht, denn nach dem Lauf ist vor dem Lauf.


Weitere Informationen:

Universitätssportverein Erfurt e.V. (USV Erfurt)

Ultramarathon-Statistik von Frank Becker

Mehr in dieser Kategorie: Punkrock und Bibliotheksdienst »