www.uni-erfurt.de

Folge uns auf Facebook

Mittwoch, 24 September 2014 12:21

Künstler, Freund und ein Genie der Vermittlung. Universitätsbibliothek Erfurt zeigt Ausstellung über Max Brod

Artikel bewerten
(7 Stimmen)
Dr. Evgenia Grishina Dr. Evgenia Grishina

"Es ist doch überaus selten, dass ein Kritiker erst einmal das Positive sieht. Genau das hat mich an Max Brod beeindruckt. Ein großer Charakter. Und ein Genie der Vermittlung." Wenn Dr. Evgenia Grishina über Max Brod, den aus Prag stammenden jüdischen Schriftsteller, Komponisten und Kafka-Freund, spricht, dann ist sie in ihrem Element. Mit ihm hat sie sich intensiv beschäftigt – das Ergebnis ist nun, ab dem 1. Oktober, in einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek Erfurt zu sehen. Für Evgenia ist es gleichzeitig ein "wunderbarer Abschluss" ihrer zweijährigen Tätigkeit als wissenschaftliche Volontärin in der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha. Zwei Jahre, in denen sie viel gelernt hat – nicht nur über die umfangreichen Sammlungen und Bestände der Bibliothek, sondern auch über Strukturelles und darüber wie eine Bibliothek "tickt".

Die gebürtige Russin verlässt Erfurt Ende September mit einem weinenden und einem lachenden Auge. "Mit einem lachenden, weil eine neue tolle Aufgabe als Fachreferentin an der Universitätsbibliothek Trier auf mich wartet. Aber eben auch mit einem weinenden Auge, denn Erfurt war für mich Liebe auf den ersten Blick", sagt Evgenia Grishina. "Dabei kannte ich die Stadt zunächst gar nicht, als ich mein Volontariat begann. Ich wusste nur, dass ‚Clueso‘ von hier kommt", lacht die junge Frau. "Aber die Stadt, die Menschen und meine Arbeit in der Bibliothek haben mich sofort gefangen genommen." Viel ist sie als Volontärin herumgekommen – neben dem Master-Studium "Library and Information Science" an der Humboldt-Universität Berlin, das fester Bestandteil ihrer wissenschaftlichen Ausbildung in Erfurt war, hat Evgenia unter anderem auch ein Praktikum an deutschen Forschungsbibliotheken in Rom absolviert. "Ich habe die Gelegenheit genutzt, auch andere Bibliotheken kennenzulernen und das war sehr bereichernd für meine Arbeit", sagt die promovierte Philologin rückblickend. Und hofft, dass sie mit ihrer Ausstellung nicht nur eine kleine Spur in Erfurt hinterlässt, sondern auch andere mit ihrer Begeisterung für Max Brod, den sie als Kritiker, aber vor allem auch als Vermittler zwischen den Kulturen sieht, anstecken kann. Und so heißt ihre Schau auch "Max Brod – ein Genie der Vermittlung".

Evgenia Grishina: "Max Brod ist heute vielfach ausschließlich als Freund Franz Kafkas und erster Herausgeber von dessen Werken bekannt. Er war aber selbst ein überaus produktiver Autor und verfasste eine stattliche Reihe von Romanen und Erzählungen, die teilweise auch verfilmt wurden. Sie sind spannend zu lesen, historisch interessant und lohnen die Wiederentdeckung allemal. Brod war ein Genie der Vermittlung und Mittelpunkt des legendären ‚Prager Kreises‘, dem neben Kafka und Werfel auch viele andere Dichter angehörten. Max Brod war darüber hinaus als herausragender Journalist und Redakteur des ‚Prager Tagblatts‘ in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Zeitgenosse des konfliktreichen Nachkriegseuropas mit seinem vordringenden Antisemitismus. Er bemühte sich um eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen in der neu gegründeten tschechoslowakischen Republik, indem er den kulturellen Austausch förderte und durch eigene Übersetzungen unterstützte." Der Dichter des "Švejk", Jaroslav Hašek, habe ihm einen guten Teil seines Erfolges im deutschsprachigen Lesepublikum zu verdanken und der Opernkomponist Leoš Janáček habe ihn gar "einen Boten des Himmels" genannt, weil Brod half, sein Werk auf der Bühne durchzusetzen, sagt Evgenia Grishina. Bis zu seinem Tod habe sich Brod, der sich infolge antisemitischer Repressionen dem Zionismus zuwandte und 1939 im buchstäblich letzten Moment nach Palästina emigrierte, als Schriftsteller deutscher Sprache verstanden und sei für die Versöhnung mit Deutschland auch nach der Erfahrung der Shoah eingetreten.

Die Universitätsbibliothek Erfurt hat mit der "Sammlung Teufel" einen repräsentativen und in dieser Form einmaligen Bestand an mitteleuropäisch-jüdischer Literatur als Geschenk erhalten. Um diese Sammlung der Öffentlichkeit bekannt zu machen, hat Dr. Evgenia Grishina in den Räumen der Bibliothek die Ausstellung konzipiert und umgesetzt, die mit Exponaten aus der Sammlung das vielseitige Lebenswerk Max Brods präsentiert und zugleich seinen 130. Geburtstag feiern möchte. Schwerpunkte der Ausstellung sind Brods literarisches Schaffen, seine Rolle als Mittelpunkt des "Prager Kreises" und seine Bedeutung als Mittler zwischen den Kulturen. Die Ausstellung ist noch bis  zum 7. November zu den Öffnungszeiten der Bibliothek zu sehen, der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen: